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Es war von Anfang an klar, dass ich für „Heldelieder“ auch unsere Nachbarn im Osten besser kennenlernen wollte. Inzwischen hat man sich schon ein wenig daran gewöhnt, das viele Nachnamen mit -ic enden, und doch ist es nicht lange her, dass uns eine Partei weissmachen wollte, das Problem der Schweiz sei ein gewisser Ivan S. …

 

Zu meiner persönlichen Augangslage beim Blick auf diese Region und ihre Menschen gehörte auch, dass ich schon als Jugendlicher eher abseits stand, wenn „die Jungs“ ihre Testosteron-Anfälle hatten. Sprich: Das Temperament und Gehabe von vielen südländisch geprägten Immigranten-Kids empfand ich durchaus als Bedrohung, wenn auch nicht aus rassistischen Gründen. Aber ich habe zum Beispiel auch nie viel von Fussball verstanden, und das war wohl ein weiterer Grund, für mein Abseitsstehen. Es galt also, Vorurteilen und Vorbehalten zu begegnen.

Eine prägende Erfahrung war eine erste kurze Reise nach Istanbul. Da entdeckte ich, dass ich das selbe Gruppenverhalten junger Männer, das mir auf Schweizer Trottoirs manchmal bedrohlich vorkam, nun schön fand: Zusammenhalt, laute Lebensfreude. Das Gemeinschaftsgefühl der türkischen Gesellschaft imponierte mir, und es war das, was Bekanntschaften, die ich dort machte, als den markantesten Unterschied der Kulturen hervorhoben: „You are so alone“, sagten einige, die Westeuropa kennengelernt hatten.

Das erste Land im Osten, das ich richtig bereiste, war Polen. Seit 2003 war ich mehrmals dort um Freunde zu besuchen. Damals brauchte man noch den Pass, weil Polen erst gerade in der EU am ankommen war. Jahre später kann man die Veränderungen sehen, allerdings vor allem in den Städten. Auf dem Land fallen zwar auch einzelne, oft etwas überbunte neue oder renovierte Häuser auf, aber für die Bauern, etwa in der Gegend um Elblag, wo ich vor allem war, ist der Arbeitsalltag hart geblieben und das Auskommen schwer. Schlammige Felder unter dickem Nebel, knorrige Menschen, die in holzbeheizten alten Häusern leben und am Sonntag mit Familie und Nachbarn grosse Feuer am Waldrand sitzen.

Ungarische Landschaft aus dem Zugfenster

Es war meine erste Begegnung mit der Alltäglichkeit einer Parallelgesellschaft aus zwei scheinbar verschiedenen Zeitaltern. Das wird nicht nur an den Autos aus der Sowjetzeit sichtbar, die am Stassenrand tuckernd von vorbeirauschenden japanischen und deutschen Bolliden überholt werden. Während in und um Warschau an einem modernen Polen mit internationaler Vernetzung gebaut wird, halten sich die bescheiden lebenden Leute in ländlichen Gegenden mit illegal selbstgebranntem Wodva schadlos, der auch mal unauffällig direkt an die örtliche Polizeistation geliefert wird.

Ähnliche Eindrücke sammelte ich auch auf der Balkanreise, die ich extra für „Heldelieder“ im Juni 2012 gemacht habe. Ich kreiste mit dem Zug durch Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Bosnien-Herzegowina und Kroatien.
Bereits nach einem Tag in Budapest wurde mir bewusst, dass ich „Ungarn“ da nicht kennenlernen würde: Die Strassen sind gesäumt von den geschäften, der selben multinationalen Ketten, bei denen ich auch in der Schweiz und in New York einkaufen kann. Erstaunlich war einzig, wie wenige auch junge Leute Englisch oder deutsch sprechen. Ich liess mir von der Frau an der Reception ein Zimmer in einem möglichst kleinen Dorf auf dem Land reservieren, und so bin ich in Puszterfalu gelandet, im Nordosten an der Grenze zur Slowakei.

Meine Gastgeberin, eine ältere Dame, mit der ich mich nur mit Handzeichen verständigen konnte, hatte dann schon als ich am ersten Morgen aufstand, ihre Grossnichte organisiert, die etwas Deutsch verstand. Im Verlauf des Tages lernte ich so weitere mehrsprachige junge Leute kennen, und daraus wurde in der Harda Vendeghaz ein wunderschöner Tag und Abend, an dem ich unter anderem ein Transylvanisches Soldaten-und Volkslied vorgesungen bekam, das als FieldRecording nun auch auf „Heldelieder“ zu finden ist.

Meine Gastgeberin in der Harda Vendeghaz, Pusztafalu

Zu einigen weiteren Stationen dieser Reise finden sich auch im Anhang des „Heldelieder“-Buches Berichte, die meine Eindrücke spiegeln. Schon in den Ländern wie Ungarn, Rumänien und Bulgarien, die keine jüngere Kriegsgeschichte haben, wurden die Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen spürbar, die sich ihre Heimat teilen. Eine Situation, die durch über die Jahrhunderte immer wieder neu gefasste Grenzen mit-geschaffen wurde. Auch die bereits im Zusammenhang mit Polen erwähnte Parallelgesellschaft war vielerorts sichtbar: Die alles andere als fertig verdaute kommunistische Geschichte. Der nun reale Kapitalismus, der zwar Hoffnungen auf (gerade auch medial sichtbare) Lebensformen beflügelt, aber nicht selten gleichzeitig begräbt.

Es ist eine bemerkenswerte Diskussion im Kreis, die man da mit sich selber führen kann: Wenn sie mehr Arbeit hätten, ginge es den Leuten besser. Den Leuten ginge es besser und sie hätten mehr Arbeit und Wohlstand, wenn sie sich fleissiger wären, wenn aus ihrem „kommunistischen Modus“ herauskommen würden: Dass man ihnen die Arbeit zu geben habe. Wenn es mehr Arbeit gäbe, könnten sie das. Kommt die Arbeit zu den Fleissigen? Auflösbar ist es nicht, und schon gar nicht in den komplexen wirtschaftlichen Strukturen und Gesetzen einer globalisierten Welt.

Die Spuren der Konflikte aus den 90er Jahren waren gerade in Bosnien noch sehr sichtbar. Auch das, ein Nebeneinander von Welten in einem scheinbar ganz gewöhnlichen Alltag, aber man weiss etwas, man spürt es, eine mit Vergangenheit geladene Gegenwart. Die selben Menschen stelle ich mir vor, versetzt in unsere Schweizer Strassen, und weshalb sollte es in ihnen drin deshalb anders aussehen? Bloss uns, mit unserer doch im europäischen vergleich aussergewöhnlich harmlosen und friedlichen Vergangenheit, fehlt es vermutlich an einem wirklichen Bewusstsein dafür, was diese Besucher hinter sich haben, bzw was sie zuhause erwarten könnte.
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Friedhof im Stadtpark von Mostar

Und dann kam im Sommer 2013 noch eine Reise in die Ukraine dazu. Ich war für ein paar Konzerte eingeladen, zahlte die Reise aber selber. Ein weiteres ehemals kommunistisches Land, in dem man genauer hinschauen muss, um die Unterschiede zu entdecken zu unserer Welt. Auch hier sind westliche Marken inzwischen omnipräsent, wenn auch mit leichter Zeitverschiebung: In den SecondHand-Läden werden die Kleider per Kilo verkauft, die bei uns eben ausgeschaubt wurden, weil ein neuer Trend sie abgelöst hat. Obwohl völlig unbekannt in der Region, wurde ich von zwei TV-Stationen interviewt. Ich war der Gast aus der Ferne, eine rare Attraktion im „kleinen“ Lutsk. Mir wurde bewusst, wie gross die Distanz von zwei Tagesreisen (mit dem Zug notabene) auch sein kann, wenn der Lohn sich im tiefen dreistelligen Euro-Bereich bewegt.

All diese Erfahrungen und Begegnungen haben jene Haltung mitgeprägt, die das „Heldelieder“-CD-Buch nun prägt: Die Welten, die sich durch Migration begegnen sind bei allen oberflächlichen Gemeinsamkeiten verschiedener voneinander, als ich geahnt habe. Diese Begegnungen sind nicht unproblematisch, die Verständigung ist in beide Richtungen nur mit wachen, offenen Menschen möglich. Wenn der Austausch aber stattfindet, dann liegt ein grosser Schatz darin: Die Welt wird nicht einfacher, aber grösser und reicher.