Ich habe dank der Hochzeit von Freunden…
… in Nanyuki, Kenya, die Gelegenheit das Land abseits der allzu ausgetretenen Touristenpfade zu bereisen. Während drei Wochen sind wir unterwegs zwischen Nairobi, Nanyuki, Meru, Watamu und Mombasa. Es ist meine erste Reise nach Afrika. Am ersten Tag geht’s in Nairobi zum Barbier. Ich lasse mein Haupthaar da.

Im Verlauf der Reise lernen wir viele Menschen kennen, und dank unseres privaten Zugangs gibt es auch Begegnungen, in denen wir nicht wie Touristen behandelt werden.

Es ist aber unausweichlich, als Weisser in diesen Strassen und Städten, als „Reicher“ wahrgenommen zu werden. Sobald wir ausserhalb des freundschaftlichen Rahmens unterwegs sind, machen wir diese Erfahrungen natürlich auch: Wie schwer es ist, diesen Graben des wirtschaftlichen Gefälles zu überbrücken und einander ehrlich und aufrichtig als Menschen zu begegnen. Das gilt von den Händlern bis zu den jungen Frauen, die einem in Bars ansprechen. Obwohl es Kenya relativ gut geht im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten, sind viele Menschen gezwungen, sich halt irgendwie durchzumischeln, von Tag zu Tag.

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Nähshop an der Stasse von Nanyuki nach Meru

Und in einem Europäer begegnet ihnen ein Versprechen, irgendwo zwischen einem kurzfristigen Geschäft vor Ort und der Lebenschance, eine Beziehung in den „reichen Norden“ aufzubauen, vielleicht gar mitgenommen zu werden. Ein Hotel kostet plötzlich auch 60 Franken die Nacht, und man weiss, dass Angestellte von 60 Franken im Monat leben. Umgekehrt will die schüchterne Frau im Nähshop in einer Bretterbude am Strassenrand nur 15 Rappen für 3 Paar angepasste Hosen…

Man kann sich da als eben doch immer wohlhabender Besucher nicht neutral verhalten, man muss eine Haltung wählen, wie man sein Geld ausgeben will und wie nicht, ob man bewusst überbezahlen soll (weil es ja immer noch nicht „teuer“ ist für uns), oder ob man Prinzipien haben will. Im Kleinen stellt man sich genau jenen Fragen, die schlussendlich auch die Herausforderung für jede grossangelegte Entwicklingshilfe sind.

Was die tiefsten Spuren hinterlässt, sind jene Begegnungen, die eben doch aufrichtig verlaufen. Bemerkenswerterweise sind es vor allem Frauen, mit denen solche Gespräche möglich sind. Und sie zeichnen sich oft gerade dadurch aus, dass sie sich weigern, das beschriebene Gefälle als gegeben hinzunehmen: Sie bezahlen ihr Getränk oder die Mahlzeit selber, wenn die Rechnung kommt. Viele sind gut gebildet und haben deshalb auch ein einigermassen realistisches Bild vom Leben im Norden und entsprechend nicht unbedingt das Bedürfnis auszuwandern.

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Gassenfussball in Mombasa

Ich könnte stundenlang erzählen von diesen Begegnungen und Eindrücken von den Gedanken und Fragen, die sie in mir ausgelöst haben. Aber dafür wird es ja bald das „Heldelieder“-Buch geben, dass zumindest einigen dieser Geschichten Raum gibt.

Die Unmöglichkeit ein umfassendes Bild wahrzunehmen und dann zu zeichnen, ist eine der Beschränkungen, mit denen ich leben muss, wenn ich mich trauen will, „Heldelieder“ zu veröffentlichen.

Aber das ist ja ein Privileg der Kunst, dass sie eine subjektive und unvollständige Perspektive einnehmen darf, dass sie nicht ein empirisch abklopfbares Gesamtbild zu so einem Thema darstellen muss. Kunst registriert die Bewegung des Künstlers, und wenn es glückt, überträgt sie diese Bewegung auch zur Zuhörerin, zum Leser.

Im nächsten Post berichte ich von einer Zugreise durch Osteuropa und den Balkan, der zweiten Reise, die ich für dieses Projekt gemacht habe.